03.12.2008 | 14:52

„Psychiatrie ohne Menschlichkeit. Gugging 1938 - 1945"

Sobotka: Verantwortung, Finger auf Wunde zu legen, die bis heute brennt

Die Verantwortung, den Finger auf eine Wunde zu legen, die bis heute brenne, hob Landesrat Mag. Wolfgang Sobotka heute, 3. Dezember, bei der Präsentation des Buches „Psychiatrie ohne Menschlichkeit. Gugging 1938 - 1945" im NÖ Landesarchiv in St. Pölten hervor. Tausende Schicksale würden dabei nicht ruhen, sondern daran gemahnen, dass mit ihnen lange Zeit nicht sorgsam umgegangen wurde. So sei der Focus immer nur auf Hartheim gelegen und auf die Geschehnisse in Gugging und Mauer-Öhling vergessen worden.

Neben dieser NS-Vergangenheit sei der Ruf Guggings lange auch für die Stigmatisierung der Psychiatrie gestanden, so Sobotka weiter. Das habe ins Hintertreffen geraten lassen, was die Psychiatrie Positives geleistete habe. Auf diesen Auftrag dürfe man auch in der neuen Funktion des Standortes der Exzellenz-Universität nicht vergessen.

Dass der Standort als „Ort des Grauens" aus der NS-Zeit für die Exzellenz-Universität ungeeignet sei, greife zu kurz: „Wo haben wir diesbezüglich keine Orte des Grauens?", meinte Sobotka. Verbrechen seien nicht zuletzt auch überall dort passiert, wo Menschen weggesehen hätten, wo das Privatleben eingeschränkt gewesen sei und wo Krieg, Vertreibung und Besatzung gewütet hätten. Deshalb sei es umso wichtiger, alle diese Orte zu wandeln.

Die Exzellenz-Universität, die Wissenschaften für den Menschen betreiben und seinen Fortbestand im 21. und 22. Jahrhundert sichern solle, habe sich solcherart heute die Frage zu stellen, ob alles, was machbar, auch ethisch vertretbar, und alles, was möglich, auch sinnvoll sei, so der Landesrat abschließend.

„Psychiatrie ohne Menschlichkeit. Gugging 1938 - 1945" ist als Band 47 der Studien und Forschungen aus dem NÖ Institut für Landeskunde erschienen und basiert auf den Ergebnissen des Arbeitskreises zur Aufarbeitung der NS-Medizinverbrechen in Niederösterreich. Mit Beiträgen von Gerd Eichberger, Wolfgang Neugebauer, Gerhard Fürstler, Getrude Langer-Ostrawsky, Theodor Meißel und Claudia Spring geht es dabei auch um die „Verwaltung der Vernichtung".

Den hunderten Menschen, die mit Hilfe des Pflegepersonals in Gugging und Mauer-Öhling ermordet wurden, wird etwa die Lebensgeschichte einer Pflegerin in Gugging gegenübergestellt, die als einzige trotz ärztlicher Anweisungen nicht gegen das Leben der ihr anvertrauten Pfleglinge vorging und damit bis an die Grenzen der Zivilcourgage ging. Josef Schicker, Anstaltsleiter in Gugging von 1938 bis 1945, wiederum war zudem maßgeblich an der Zwangssterilisation von als „erbkrank" klassifizierten Männern und Frauen beteiligt, zwischen Anfang 1941 und Ende 1944 hat er mindestens 102 derartige Verfahren angeordnet.

Nähere Informationen und Buchbestellungen beim NÖ Institut für Landeskunde unter 02742/9005-13983 und e-mail post.k2institut@noel.gv.at.

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