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Der Landesname: Die Ostarrîchi-Urkunde

Der eigentliche Inhalt (Zweck) der Urkunde


Ostarrichi-Urkunde
© www.archiv-verlag.at
Am 1. November 996 wurde in Bruchsal (im heutigen Baden-Württemberg bei Karlsruhe) eine Urkunde für das bayerische Hochstift Freising ausgestellt:

Nach dieser Urkunde, die im Bayerisches Hauptstaatsarchiv München aufbewahrt wird, übergab Kaiser Otto III. dem Freisinger Bischof Gottschalk 30 Königshufen. Das Bistum Freising hatte in der Gegend bereits seit 995 Besitz - im benachbarten Ulmerfeld - und baute ihn in der Folge weiter aus: Waidhofen an der Ybbs, Hollenstein, Randegg und Göstling kamen hinzu und bildeten mit Neuhofen und Ulmerfeld einen Herrschaftskomplex, den das bayerische Hochstift bis 1803 halten konnte.

Dass "landfremde" Bistümer und Stifte in Niederösterreich begütert waren, stellt an sich noch keine Besonderheit dar; das ist, wie auch hier, ein Ergebnis der engen historischen Bindungen zu Bayern, die auf kirchlichem Gebiet bis Kaiser Joseph II. andauerten.

Die erste Nennung des Namens Ostarrîchi

Was diese Schenkung aber interessant macht, ist eine Formulierung in der zweiten Zeile der Urkunde. Hier steht nämlich, dass die Königshufen " in regione vulgari vocabulo Ostarrîchi dicitur " ("in einer Gegend, die in der Volkssprache Ostarrîchi genannt wird") gelegen waren. Es handelt sich dabei um die erste Nennung des Namens Österreich. Bis 1946 kannte man diese Urkunde zwar, aber man maß ihr, auch weil - mittlerweile weitgehend ausgeräumte - Zweifel an ihrer Echtheit bestanden, keine sonderliche Bedeutung zu. 1946 suchte man nun einen Anlass, die eben neuentstandene Republik auch geistig zu kräftigen und zu legitimieren. Der Blick fiel auf die Ostarrichi-Urkunde, und man entschloss sich ein 950-Jahr-Jubiläum zu feiern, womit die Probleme begannen.

Interpretation und historische Fakten

Die Erwähnung des Namens Österreich ist nämlich keineswegs ein "Tauf- oder Geburtsakt". Die Formulierung "vulgari vocabulo ... dicitur" ("die in der Volkssprache [so] genannt wird") macht deutlich, dass das Gebiet bereits vor 996 als "Ostarrichi" bezeichnet wurde; seit wann oder wie lange schon ist allerdings nicht wirklich seriös zu beantworten. Die Ostarrichi-Urkunde ist daher eher eine Art "Meldezettel", der noch dazu als Zufall der historischen Quellenüberlieferung zu werten ist.

Was uns diese Urkunde jedoch tatsächlich erzählt, ist, dass der Name unseres Staates und unseres Bundeslandes offensichtlich in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts für den Herrschaftsbereich der Babenberger Markgrafen gebräuchlich wurde. Er bedeutet schlicht "(Herrschafts-)Gebiet im Osten" und entspricht den in den Quellen schon bedeutend früher vorkommenden lateinischen Bezeichnungen. Im Übrigen ist der "belastete" deutsche Name "Ostmark" unhistorisch und kommt in mittelalterlichen Quellen gar nicht vor. Interessant ist allerdings, dass das Aufkommen des Namens Österreich die schrittweise  Landwerdung Österreichs, also der späteren Länder ob und unter der Enns, einleitet, die in der Erhebung zum eigenen Herzogtum 1156 einen ersten Höhepunkt fand.

Die Wirkung heute: Identitätsfaktor?

Es ist daher durchaus legitim, in der Ostarrichi-Urkunde ein bedeutendes Dokument zu sehen und aus ihr Jubiläen wie jenes von 1996 abzuleiten. Es muss aber angemerkt werden, dass uns die mittelalterlichen Quellen oft keine exakten Daten liefern können und dass jedes derartige Jubiläum nur ein annäherndes sein kann. Es ist die Aufgabe des Historikers, diese Fakten redlich darzustellen, wobei er aber nicht verkennen darf, dass diese zeitlich unklaren historischen Anlässe auch in modernen Gesellschaften ein wesentlicher Faktor der Identitätsfindung sind und zur Stärkung des Landesbewusstseins beitragen.

Der Text

In nomine sanctae et individuae trinitatis. Otto divina preordinante clementia imperator augustus. Noverint omnium industriae fidelium nostrorum tam praesentium quam et futororum, qualiter nos dignis petitionibus dilectissimi nepotis nostri Baioariorum ducis Heinrici annuentes quasdam nostri iuris res regione vulgari vocabulo Ostarrichi in marcha et in comitatu Heinrici comitis filii Liutpaldi marchionis in loco Niuuanhova dicto, id est cum eadem curte et in proximo confinio adiacentes triginta regales hobas cum terris cultis et incultis pratis pascuis silvis aedificiis aquis aquarumve decursibus venationibus zidalweidun piscationibus molendinis mobilibus viis en inviis exitibus et reditibus quesitis et inquirendis omnibusque iure legaliterque ad easdem hobas pertinentibus super gremium Frigisingensis aecclesiae ad servicium sanctae Mariae sanctique Christi confessoris atque pontificis Corbiniani cui nunc fidelis noster Kotascalus venerabilis presidet episcopus, in proprium atque perpetuum usum concessimus firmiterque tradidimus nostra imperiali potentia, eo modo eoque tenore ut eadem praefata Frigisingensis aecclesia idemque praelibatus antistes Kotascalhus atque omnes sui successores libero deinceps perfruantur arbitrio haec omnia tenendi commutandi et quidquid voluerint inde faciendi. Et ut nostrae largitionis auctoritas firmior stabiliorque cunctis sanctae dei aecclesiae filiis perpetim credatur, hanc cartam inscribi iussimus anuloque nostro signatam manu propria subtus eam firmavimus. Signum domni Ottonis invictissimi imperatoris augusti. Hildibaldus episcopus et cancellarius vice Uuilligisi archiepiscopi recognovi. Data kal. nov. anno dominicae incarnationis DCCCCXCVI, indictione X, anno autem tertii Ottonis regnantis XIII, imperii vero I; actum Bruochselle, feliciter.

Literatur

  • Heinrich Appelt, Zur diplomatischen Beurteilung der Ostarrîchi-Urkunde, in: Babenberger-Forschungen = Jahrbuch für Landeskunde von Niederösterreich. Neue Folge 42 (1976)  S. 1-8.
  • Heide Dienst, Paläographisch-diplomatische Bemerkungen zu D.O. III 232 (sogen. Ostarrichi-Urkunde"), in: Mitteilungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung 104 (1996) S. 1-12.
  • Peter Urbanitsch, Die Ostarrichi-Urkunde. In: Ostarrichi, Österreich 996 - 1996. Menschen, Mythen, Meilensteine = Katalog des Niederösterreichischen Landesmuseums NF 388 . - Ferdinand Berger (Horn 1996) S. 41 - 46.
  • Herwig Wolfram, Die sogenannte "Ostarrichi-Urkunde", Originaldiplom, auf "nordischem", das heißt auf beidseitig (Fleisch- und Haarseite) bearbeitetem und daher verwendbarem Pergament; ausgestellt in Bruchsal, 1. November 996; München, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Kaiserselekt 859´= Niederösterreich-Archiv, Blatt 6003.
  • Erich Zöllner, Der Österreichbegriff. Formen und Wandlungen in der Geschichte. - Verl. f. Geschichte u. Politik (Wien 1988). - 103 S.

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Letzte Änderung dieser Seite: 03.04.2013

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