14.08.2003 | 10:06

Frühe Storchendarstellung im römischen Carnuntum?

Aufsehen erregender Fund bei Restaurierungsarbeiten

Im Zuge der Restaurierung von Wandverputzfragmenten aus dem frühen 4. Jahrhundert n. Chr. im teilrekonstruierten römischen Wohnhaus im Archäologischen Park Carnuntum wurde jetzt ein Aufsehen erregender Fund gemacht: Auf einem 23 x 18 Zentimeter großen und ca. 6 Zentimeter starken Putzfragment ist in äußerst qualitätsvoller Ausführung auf schwarzem Hintergrund eine menschliche Hand zu sehen, die mit vier Fingern einen senkrecht gestellten Holzstab umfasst. Vergleiche mit Beispielen antiker Wandmalerei zeigen, dass es sich nur um das Zepter eines Gottes oder weltlichen Herrschers bzw. um einen besonders fein gearbeiteten Stab des Gottes Dionysos-Bacchus handeln kann.

Diese für sich allein schon wissenschaftlich und künstlerisch sehr interessante Malerei barg bei der weiteren Untersuchung aber eine noch größere Überraschung: Es zeigte sich, dass diese Darstellung auf einem nur 1 Zentimeter starken Wandverputz aufgemalt war. Der - im Vergleich zur Gesamtstärke von ca. 6 Zentimeter - sehr dünne Putz war im frühen 4. Jahrhundert n. Chr. über einem älteren Wandverputz aufgetragen worden.

Bevor die weißen Kalkschlämme aufgepinselt worden waren, wurde auf dem Mörtel dieser älteren Periode mit roter Farbe eine knapp 8 Zentimeter große Tierdarstellung aufgepinselt. Es handelt sich um einen Vogel, der sehr schön und schwungvoll mit schwingenden Flügeln dargestellt ist. Laut Vogelkundlern handelt es sich bei diesem Vogel um einen Storch oder Reiher. Das Auftreten beider Arten in Carnuntum ist nicht verwunderlich, sind doch Storch und Reiher auch heute im Nationalpark Donau-Auen beheimatet. Seit Jahren ist auch ein in Petronell-Carnuntum nistender Storch während der Futtersuche ein frühmorgendlicher „Zaungast“ der laufenden Grabungen.

Der Vogel wurde im 3. Jahrhundert n. Chr. mit großer Wahrscheinlichkeit von einem am Bau beteiligten Handwerker auf die unbemalte Wand gepinselt, allerdings schon auf den trockenen Putz, denn bei feuchtem Putz wäre der Pinselstrich mit Sicherheit etwas „zerronnen“. Lange konnte der Vogel dann aber nicht zu sehen gewesen sein, denn spätestens mit der von vornherein geplanten Kalkschlämme als endgültiger Wandverputzoberfläche verschwand dieses frühe Beispiel einer Vogeldarstellung in Carnuntum.

Die Restaurierung dieses sowie aller anderen Stücke aus dem römischen Haus in Carnuntum wird bis Ende des Jahres fortgesetzt, ebenso die wissenschaftliche Bearbeitung der Darstellungen. Parallel dazu wurden bereits die archäologischen Untersuchungen der nächsten Baukomplexe (Haus II, Weststraße) vorgenommen.

Nähere Informationen bei der Grabungsleitung unter der Telefonnummer 02163/2882, Mag. Franz Humer, bzw. unter www.carnuntum.co.at/archäologie/römischeswohnhaus.


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