150 Jahre Bezirkshauptmannschaften

Von der Grundherrschaft zum Bürgerservice. Die Bezirksverwaltungsbehörden in Niederösterreich 1848 bis 2018

Die Revolution des Jahres 1848 brachte nicht nur ein neues Staatsoberhaupt an der Spitze des Kaiserreiches Österreich, sie brachte vor allem eine umfassende Reform von Verfassung und Verwaltung.

Das bis dahin bestehende System der Grundherrschaften wurde beseitigt. Die politischen und richterlichen Funktionen wurden nun vom Staat übernommen.

Grundlage dafür bildete eine neue Territorialeinteilung, die für Verwaltung und Gerichtsbarkeit klar definierte Gebiete vorsah. Mit der Märzverfassung 1849, die eine strikte Trennung von Exekutive und Legislative vorsah, wurde der Aufbau der beiden neuen Behörden, Bezirkshauptmannschaft und Bezirksgericht, in Angriff genommen.
Die eigens dafür eingerichteten Kommissionen mussten sich neben einem Konzept über die Aufgabenverteilung der neuen Behörden auch um die Unterbringung und um die Übernahme von geeignetem Personal kümmern.

Die Aufteilung des Kronlandes Österreich unter der Enns (= Niederösterreich) in Verwaltungsbezirke sollte auf die bereits bestehenden Gerichtsbezirke Rücksicht nehmen. Da Bezirkshauptmannschaften und Bezirksgerichte Agenden aus verschiedenen Ministerien übertragen bekamen, wurden deren Vorgaben in den Diskussionsprozess mit eingebunden.
So forderte zum Beispiel das Ministerium des Inneren, Niederösterreich in 68 Gerichtsbezirke mit einer Fläche von je 340 Quadratkilometern zu teilen, der Vorschlag des Justizministeriums belief sich auf 73 Gerichtsbezirke mit 24 politischen Bezirksverwaltungen.

Innerhalb relativ kurzer Zeit konnte die spätere Territorialeinteilung dem Kaiser vorgelegt und von diesem genehmigt werden: mit 4. August 1849 wurden in Niederösterreich 17 Bezirkshauptmannschaften und 9 Exposituren mit 73 Gerichtsbezirken eingerichtet: 

  1. Hietzing mit 4 Gerichtsbezirken und einer Expositur in Mödling
  2. Klosterneuburg mit 3 Gerichtsbezirken und einer Expositur in Tulln
  3. Bruck an der Leitha mit 3 Gerichtsbezirken und einer Expositur in Hainburg
  4. Wiener Neustadt mit 5 Gerichtsbezirken und einer Expositur in Baden
  5. Neunkirchen mit 4 Gerichtsbezirken
  6. Korneuburg mit 3 Gerichtsbezirken und einer Expositur in Stockerau
  7. Groß-Enzersdorf mit 3 Gerichtsbezirken und einer Expositur in Marchegg
  8. Poysdorf mit 4 Gerichtsbezirken und einer Expositur in Feldsberg
  9. Oberhollabrunn mit 2 Gerichtsbezirken
  10.  St. Pölten mit 9 Gerichtsbezirken und einer Expositur in Lilienfeld
  11.  Scheibbs mit 3 Gerichtsbezirken
  12.  Waidhofen an der Ybbs mit 3 Gerichtsbezirken
  13.  Amstetten mit 3 Gerichtsbezirken
  14.  Krems mit 8 Gerichtsbezirken
  15.  Zwettl mit 6 Gerichtsbezirken
  16.  Waidhofen an der Thaya mit 5 Gerichtsbezirken
  17.  Horn mit 5 Gerichtsbezirken und einer Expositur in Krems

Die Stadt Wien, die ja die größte Stadt im Kronland unter der Enns war, wurde unmittelbar dem Statthalter unterstellt und nicht als eigener Bezirk definiert.

Die schnelle Umsetzung der Ideen aus der 1848er Revolution ist der bereits im 18. Jahrhundert geleisteten Vorarbeit geschuldet.
Unter Maria Theresia hatten die Differenzen zwischen der landesherrlichen Zentralgewalt und den Ständen weiter zugenommen. Ausgehend von Böhmen forcierte die Herrscherin daher die Schaffung einer beamteten Verwaltungsbehörde.
1753 wurden im Kronland unter der Enns vier Kreisämter installiert, die als Mittelbehörde zwischen den Grundherrschaften und der niederösterreichischen Regierung fungieren sollten. Der Umfang der Territorien (Kreise) war jedoch flächenmäßig zu groß, kleinere Verwaltungseinheiten, wie unsere heutigen Bezirke, waren vonnöten.

Die ansatzweise Umsetzung erfolgte jedoch erst unter ihrem Nachfolger Kaiser Joseph II. 1783 tauchte der Begriff „Bezirk“ erstmalig für eine Verwaltungseinheit der österreichischen Militärgrenze, in Anlehnung an die damaligen 18 Regimentsbezirke, auf. Eine eigene Verwaltung gab es in diesen Regimentsbezirken noch nicht. Es wurden lediglich Exposituren der Kreisämter, meist am Sitz der Grundherrschaft, etabliert.

Die Errichtung der Kreisämter in den 1750er Jahren als Mittelbehörde war für die damalige Zeit eine richtungsweisende Institution, die dann 100 Jahre später eine umfassende Verwaltungs- und Verfassungsreform ermöglichte.

Parallel zur Gebietseinteilung in Bezirke und Verwaltungseinheiten verlief auch die Bildung der Ortsgemeinden; ebenfalls eine Folge der Aufhebung der Grundherrschaften. Grundlage dafür war die Verzeichnung der Steuer- und Katastralgemeinden aus dem Jahr 1834.
Mehrere Katastralgemeinden sollten nun eine Ortsgemeinde bilden, wobei alle einem Gerichtsbezirk angehören mussten.

Mit Anfang des Jahres 1850 waren sämtliche Vorarbeiten sowie die vorläufige Territorialeinteilung fertiggestellt. Die Bezirkshauptmannschaften wie auch die neuen Bezirksgerichte konnten ihre Tätigkeit aufnehmen.

Lange währte das Prinzip der Trennung von Verwaltung und Rechtsprechung nicht. Bereits mit dem 1851 erlassenen Silvesterpatent wurde diese aufgehoben. Sogenannte „gemischte Bezirksämter“ sollten die soeben gegründeten Bezirkshauptmannschaften und Bezirksgerichte ersetzen. Die neuen Behörden erlangten durch Verordnung der Minister des Innern und der Justiz mit 30. September 1854 ihre Wirksamkeit. 

Doch bald stand die Rückkehr zur Regelung von 1849 im Raum. 1863 sah ein Entwurf des Innenministers die „[…] Schaffung der Behörden im Umfang der Bezirkshauptmannschaften der Jahre 1849/50 sowie die Trennung der Rechtsprechung von der politischen Verwaltung vor. […]“.
Für den Bezirk Hollabrunn liegt darüber hinaus eine Stellungnahme der Statthalterei zur Territorialeinteilung aus dem Jahr 1864 vor, in der festgestellt wurde, dass „[…] die 1850 vollzogene Vereinigung des Bezirkes Retz mit der BH Horn niemals die Sympathie der Bevölkerung gefunden habe, […], dazu richtet der Bezirk seinen gesamten Verkehr nach Hollabrunn bzw. Wien aus. […]“

Die Statthalterei gelangte also zum Schluss, dass die Gerichtsbezirke Retz und Haugsdorf zur BH Hollabrunn gehören sollten.

Die Fälle Retz und Haugsdorf waren keine Ausnahme, immer wieder gab es Beschwerden über die Verteilung der Zugehörigkeit. Eine eigens dafür eingesetzte Kommission ging all diesen Einwänden und Vorschlägen nach und konnte dem k.k. nö. Statthalter 1865 folgenden Vorschlag unterbreiten:

Für das Kronland Österreich unter der Enns sollten 18 Bezirkshauptmannschaften eingerichtet werden, und zwar in Amstetten, Baden, Bruck an der Leitha, Groß-Enzersdorf, Hernals, Hollabrunn, Horn, Korneuburg, Krems, Lilienfeld, Neunkirchen, Poysdorf, Scheibbs, Sechshaus, St. Pölten, Waidhofen an der Thaya, Wiener Neustadt, Zwettl. Exposituren, wie sie 1849 bestanden hatten, sollten nicht mehr eingerichtet werden. Sie hatten die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllt. Mit der Umstrukturierung der zukünftigen Bezirkshauptmannschaften konnte nun auch das Ziel, dass jede BH zwischen 60.000 und 80.000 Einwohner betreuen sollte, in fast allen Bezirken erreicht werden.
Da nun Waidhofen an der Ybbs nicht mehr Sitz einer Bezirksverwaltungsbehörde war (der Gerichtsbezirk wurde dem Bereich Amstetten zugeteilt), wurde die Stadt mit der Verleihung eines eigenen Statutes entschädigt.

Das Staatsgrundgesetz von 1867 und die darin festgelegte Trennung von Rechtspflege und Verwaltung sowie das Gesetz zur Errichtung der politischen Verwaltungsbehörden vom 19. Mai 1868 waren die Basis der neuen Ordnung.

Die genaue Definition lautete: „[…] jedes Land wird in politische Bezirke eingeteilt. Die Amtsbezirke haben in der Regel zwei oder mehrere der auf Grund des Gesetzes vom 19. Jänner 1853 bestandenen politischen Bezirke zu umfassen und sollen die Grenzen der Gerichtssprengel der einzelnen und der zu einer gemeinschaftlichen Geschäftsführung vereinigten Ortsgemeinden, dann der Gutsbezirke durch die Grenzen der politischen Amtsbezirke nicht durchschnitten werden. […]“

Mit 8. Juli 1868 genehmigte Kaiser Franz Joseph die Territorialeinteilung. Mit 31. August 1868 wurden 18 Bezirkshauptmannschaften mit 70 Gerichtsbezirken Wirklichkeit.

Mit 31. August 1868 war die Wiedererrichtung von Bezirkshauptmannschaften und Bezirksgerichten als eigenständige Behörden abgeschlossen und diese konnten nun ihren jeweiligen Amtsbetrieb aufnehmen.

An der Spitze der Bezirksverwaltungsbehörde I. Instanz stand der Bezirkshauptmann, der vom Minister des Inneren ernannt und vom Statthalter von Niederösterreich vereidigt wurde.

Der Grund für diese zweistufige Ernennung bzw. Installierung bestand darin, dass die Bezirkshauptmannschaften damals noch staatliche Behörden waren. Personalernennungen erfolgten über das Ministerium, der Amtseid wurde vor dem k.k. nö. Statthalter von Niederösterreich abgelegt, dem die Bezirkshauptmannschaften direkt unterstanden.

Daraus resultierte auch das Aufgabengebiet der Behörde, welche zunächst auch die Angelegenheiten des Ministeriums des Inneren, des Kultus und des Unterrichts, sowie der Landesverteidigung, der öffentlichen Sicherheit, des Ackerbaus, regelte; alles in allem also staatliche Agenden. Erweitert wurde das Arbeitsspektrum noch um die Angelegenheiten des Sanitätsdienstes, der Finanzen und des Handels, soweit dies aufgrund von besonderen Vorschriften den Bezirkshauptmannschaften übertragen wurde. Personalpolitisch wurde in den Anfangsjahren auf die bereits in den Bezirksämtern tätigen Beamten zurückgegriffen.  

In den 1880er Jahren wurde eine Reorganisation der Territorialeinteilung Niederösterreichs angedacht. Wirtschaftswachstum und damit verbundener Anstieg der Bevölkerung in einzelnen Bezirken machten dies notwendig, wollte man der Idealeinteilung eines Bezirkes, welcher maximal drei Gerichtsbezirke umfassen sollte, treu bleiben.

Besonders rund um die Stadt Wien war die Bevölkerung enorm gewachsen.
Als Beispiel sei hier die Bezirksverwaltung Sechshaus genannt, welche auf Personalaufstockung drängte, um das Arbeitspensum in ihrem Bereich noch stemmen zu können. Ähnlich erging es der Bezirksverwaltung in Hernals. Hier hatten sich vorwiegend Gewerbetreibende angesiedelt. Um der geänderten Situation gerecht zu werden, wurden Gerichtsbezirke den Bezirksverwaltungsbehörden neu zugeteilt bzw. es kam zur Errichtung weiterer Bezirkshauptmannschaften.
So nahm zum Beispiel die BH Währing mit 1. Jänner 1890 ihre Tätigkeit auf, 1892 folgten Tulln und Hietzing-Umgebung, 1897 Mödling, 1901 Gänserndorf, 1905 Floridsdorf-Umgebung. Ungefähr zeitgleich fanden auch Eingemeindungen nach Wien statt, sodass etwa die Bezirkshauptmannschaften Hernals, Sechshaus und Währing 1891 und 1892 aufgelöst wurden.

Mit der Bestellung des neuen Statthalters für Niederösterreich, Erich Graf von Kielmannsegg, änderte sich die Arbeit in der Bezirksverwaltungsbehörde grundlegend. Reformen und eine bessere Organisation innerhalb der Behörde standen im Vordergrund. Die von ihm durchgeführte Kanzleireform prägte bis weit ins 20. Jahrhundert die Arbeit der Kanzlisten. 

Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte auch Einfluss auf das Aufgabengebiet der Bezirksverwaltungsbehörden.
Die Bezirkshauptmannschaften waren nun zusätzlich für die Lebensmittelbeschaffung und deren Verteilung verantwortlich.

Mit Ende des Krieges und der Schaffung der Republik Österreich 1918 kam es zu einer weiteren Zäsur im Geschäftsbereich der Behörde. Den Bezirkshauptmannschaften wurde die Verwaltung der direkten Steuern entzogen, indem selbständige Bezirkssteuerämter als Bundesämter ins Leben gerufen wurden.

1925 erfolgte die nächste Reform. Die bisherigen Ämter und Behörden der ehemals autonomen Verwaltung des Landes und die Behörden der staatlichen Verwaltung wurden nun zu einer einheitlichen Behörde zusammengefasst und als Landesbehörde installiert: das Amt der NÖ Landesregierung.

Die wirtschaftlichen Turbulenzen der 1920er Jahre hinterließen auch im Bereich der Bezirksverwaltung ihre Spuren. Personalabbau stand auf der Tagesordnung. Die Auflösung von vier Bezirksverwaltungsbehörden stand im Raum, nur jene in Lilienfeld wurde (1933) umgesetzt.

Eine völlige Neupositionierung der Bezirksverwaltungsbehörden brachte der „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland im März 1938.

Mit dem Gesetz über die „Gebietsveränderungen im Land Österreich“, erfuhren die einzelnen Verwaltungsbezirke viele Neuerungen. Für die Bundesländer Niederösterreich und Wien brachte die Schaffung von „Groß-Wien“ die größte Veränderung.
Die ehemaligen Bezirkshauptmannschaften Hietzing-Umgebung, Floridsdorf-Umgebung und Mödling wurden dem Reichsgau Wien eingegliedert, als „Entschädigung“ wurden Niederösterreich (nun Niederdonau) die politischen Bezirke des ehemaligen Nordburgenlandes - Eisenstadt, Oberpullendorf, Neusiedl am See und Mattersburg - zugeteilt. Zusätzlich erweiterte sich 1939 dieses Verwaltungsgebiet noch um die deutschsprachigen Gebiete der Tschechoslowakei; also um die Landkreise Nikolsburg, Znaim und Neubistritz. 

Diese Änderungen hatten ihren Ursprung in den Anordnungen von Reichskommissar Josef Bürckel vom 31. Mai 1938, im Gebietsveränderungsgesetz vom 1. Oktober 1938 und im Sudeten-Gliederungsgesetz vom 25. März 1939.
An der Spitze der Verwaltung stand der Reichsstatthalter, der stets auch als Gauleiter der NSDAP fungierte. Verbunden mit der Neuordnung war die Errichtung von Landkreisen, die sich am preußischen Modell orientierten und an die Stelle der Bezirkshauptmannschaften traten.

Mit 1. Mai 1939 trat das Ostmarkgesetz in Kraft, welches die Neustrukturierung des ehemals österreichischen Gebietes bzw. der angegliederten Gebiete regelte. Der Artikel II ging näher auf die Gestaltung der Land- und Stadtkreise ein. 

„[…] § 9. Die Landkreise sind staatliche Verwaltungsbezirke und Selbstverwaltungskörperschaften, die Stadtkreise sind Selbstverwaltungskörperschaften. An der Spitze des Landkreises steht der Landrat, an der Spitze des Stadtkreises steht der Bürgermeister mit der Amtsbezeichnung Oberbürgermeister.

§ 10. Der Landrat führt die gesamte staatliche Verwaltung in der Stufe des Kreises im Rahmen der bisherigen Zuständigkeiten. Der Reichsminister des Inneren überträgt im Einvernehmen mit den beteiligten Obersten Reichsbehörden Aufgaben und Befugnisse bisheriger Selbstverwaltung auf den Landrat. […]“

Die erste Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Gebietsveränderungen im Lande Österreich vom 1. Oktober 1938 ermöglichte es den Landeshauptmännern, mit Zustimmung des Reichsstatthalters und des Reichsministers des Inneren innerhalb ihrer Amtsbereiche Gebietsveränderungen in den unteren Verwaltungsbezirken durchzuführen und den Sitz der Verwaltung auch selbst zu bestimmen.
Im Verordnungsblatt Nr. 37 für den Amtsbereich des Landeshauptmannes von Niederdonau wurde die neue Einteilung der Bezirke kundgemacht, die mit 15. Oktober 1938 in Kraft trat. Die vorerst 21 Verwaltungsbezirke waren Amstetten, Baden, Bruck/Leitha, Eisenstadt, Gänserndorf, Gmünd, Hollabrunn, Horn, Korneuburg, Krems a. d. Donau, Lilienfeld, Melk, Mistelbach, Neunkirchen, Oberpullendorf, St. Pölten, Scheibbs, Tulln, Waidhofen a. d. Thaya, Wiener Neustadt und Zwettl. Weiters kam es zur Bildung von drei Stadtkreisen: Krems, St. Pölten und Wiener Neustadt.

Nach der Besetzung der „Rest-Tschechoslowakei“ im März 1939 wurde Niederdonau durch die Eingliederung der südmährischen Landkreise Neubistritz, Znaim und Nikolsburg vergrößert. Das Land umfasste nun 24 Landkreise.

Mit der zehnten Durchführungsverordnung des Ostmarkgesetzes vom 1. April 1940 hörte Österreich endgültig zu bestehen auf. Der bisherige Landeshauptmann und Gauleiter Hugo Jury wurde Reichsstatthalter von Niederdonau.

Gleichzeitig mit dem Umbau der Verwaltungsstruktur setzte auch der personelle Umbau in den einzelnen Ämtern ein. Oft verdiente und langjährige Beamte wurden aus politischen und/oder rassischen Gründen entlassen. Ernst Bezemek hat ermittelt, dass in Niederösterreich zirka 500 Beamte (darunter fast alle Bezirkshauptleute) von diesen Maßnahmen betroffen waren.
Wie schnell der Wechsel vollzogen wurde, zeigt stellvertretend für alle Bezirksverwaltungsbehörden das Beispiel Horn: Entlassung des Bezirkshauptmannes mit 13. März 1938, Neubestellung einer provisorischen Leitung mit 14. März 1938, endgültige Besetzung der Position mit 20. Juni 1938.

Das Kriegsende im Mai 1945 bedeutete für die meisten Bezirkshauptleute das Ende ihrer Karrieren.
Viele waren überzeugte Nationalsozialisten und flüchteten vor der Roten Armee meist ins benachbarte Oberösterreich, das von den US-Amerikanern besetzt war. Manche entzogen sich der Verantwortung durch Selbstmord, wie etwa der Landrat von Horn.

Bereits ab Mitte Mai 1945 nahmen die Bezirksverwaltungsbehörden wieder ihren Dienst auf.

Das Behördenüberleitungsgesetz vom 20. Juli 1945 stellte fest: “[…] Die in den Landkreisen von den Landräten besorgte Verwaltung geht auf die Bezirkshauptmannschaft über. […]“

Die drei südmährischen Kreise gingen an die wieder Tschechoslowakei, die Bezirke Oberpullendorf und Eisenstadt kamen mit 1. Oktober 1945 an das wiedererrichtete Burgenland.

Die Bezirksverwaltungsbehörden zählten nach Kriegsende zu den ersten funktionierenden Behörden. Wie bereits nach dem Ersten Weltkrieg änderte sich auch 1945 ihr Aufgabenspektrum. Zu den traditionellen Verwaltungsaufgaben kamen nun die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, die Instandsetzung der Verkehrswege, die Koordinierung von Flüchtlingsströmen bzw. Kriegsheimkehrern, die Erfassung der noch im Staatsgebiet Österreich befindlichen AusländerInnen usw. hinzu.

Ein eigenes Referat betreffend die Registrierung ehemaliger NationalsozialistInnen wurde ebenfalls den Bezirkshauptmannschaften angegliedert. Ferner hatten sie die Schwierigkeiten, die das Aufeinandertreffen von Bevölkerung und sowjetischen Soldaten mit sich brachte, zu meistern.

Vielfach kam der BH die Funktion einer Vermittlerin zu und fungierte als Drehscheibe zwischen der Bevölkerung und der sowjetischen Besatzungsmacht, die ihre Vorgaben erfüllt wissen wollte. 

Im Jahr 1954 erfolgte der nächste Einschnitt in der Gliederung der Bezirkshauptmannschaften.

Das 1938 geschaffene Groß-Wien wurde aufgelöst. Am 11. Juli 1954 erteilte der Alliierte Rat dem bereits 1946 formulierten Bundesverfassungsgesetz über die Änderung der Grenzen zwischen Wien und Niederösterreich seine Zustimmung. Mit 1. September 1954 kamen 80 der insgesamt 96 an Wien abgetretenen Gemeinden wieder zurück zu Niederösterreich.

Sie wurden in zwei Bezirkshauptmannschaften zusammengefasst. Die wiedererrichtete BH Mödling war fortan wieder für die südlich von Wien gelegenen Gemeinden zuständig, für die übrigen Kommunen rund um Wien wurde mit der BH Wien-Umgebung eine neue Bezirksverwaltungsbehörde geschaffen. Diese BH war nicht nur die jüngste Bezirkshauptmannschaft, sie wies auch weitere Besonderheiten auf. Sie erstreckte sich nämlich über ein Gebiet, das räumlich nicht miteinander verbunden war, und sie hatte – wie bis 1996 übrigens auch die NÖ Landesregierung und der NÖ Landtag – ihren Sitz nicht in Niederösterreich, sondern in Wien. 1956 umfasste sie die Gerichtsbezirke Purkersdorf, Schwechat und Klosterneuburg. 

Mit 1. Jänner 2017 hörte der politische Verwaltungsbezirk Wien-Umgebung zu existieren auf.

Die Umsetzung einer möglichst schlanken und kostensparenden Verwaltungsstruktur war die Motivation für diesen Schritt.
Die 21 Gemeinden des Bezirks wurden den umliegenden Bezirksverwaltungsbehörden in St. Pölten, Tulln, Korneuburg und Bruck an der Leitha zugeteilt. Der Bezirk Bruck an der Leitha verdoppelte dadurch seine Bevölkerungsanzahl und erhielt mit Schwechat eine Stadt, die mehr als doppelt so viele EinwohnerInnen zählte wie die Bezirkshauptstadt Bruck an der Leitha.

Da auch Klosterneuburg – die Stadt wurde der BH Tulln zugeschlagen – erheblich größer ist als Tulln und enge Beziehungen zum benachbarten Wien aufweist, kam kurzfristig die Diskussion auf, Klosterneuburg der Bundeshauptstadt anzugliedern. Dieser Ansatz wurde aber rasch wieder verworfen.

Blicken wir zurück auf 170 Jahre Verwaltungsentwicklung im Bereich der Bezirkshauptmannschaften, so können wir u. a. festhalten:

  • Mit der endgültigen Umsetzung des modernen Prinzips der Gewaltentrennung 1868 erfüllen diese politischen Behörden I. Instanz ihre Aufgaben als Mittelinstanz zwischen Gemeinden und Landesverwaltung.
  • In dem Maße, in dem der Untertan zum Staatsbürger wurde, wandelte sich die Bezirkshauptmannschaft im Verlaufe der Jahre von einer Herrschaftsträgerin zu einer Leistungsträgerin.
  • Vor allem seit den beiden Weltkriegen kommt es zu einem nachhaltigen Bedeutungszuwachs. Die Bezirkshauptmannschaften werden verstärkt zu direkten Anlaufstellen der Bevölkerung; modern gesprochen: Das BürgerInnenservice gewinnt mehr und mehr an Bedeutung.
  • Wie die zahlreichen territorialen und kompetenzmäßigen Veränderungen der Bezirkshauptmannschaften zeigen, ist Verwaltung weder starr noch reformresistent; im Gegenteil: Verwaltung ist abhängig von politisch-gesellschaftlich-wirtschaftlichen Veränderungen und gestaltet diese Änderungen stets auch selbst mit. 

© NLK Bammer
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Letzte Änderung dieser Seite: 20.10.2018
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